Die Briefmarke mit dem Stacheldraht wurde 60

Auf dem beschwerlichen Weg zurFreiheit für Kriegsgefangene und Verschleppte

Vor 60 Jahren, am 9. Mai 1953 kam in der Bundesrepublik eine auf den ersten Blick unspektakuläre grau–schwarze 10-Pfennig. – Sondermarke an die Postschalter. Bei näherem Hinsehen erkannte man einen kahlen Schädel, der durch Prägedruck ein plastisches Aussehen erhalten hatte. Der blasse Schädel war in scharfem Profil hinter zwei nicht parallel verlaufenden Stacheldrähten abgebildet. Der aufmerksame Zeitgenosse las die Umschrift der Marke: „Gedenket unserer Gefangenen”. Wohl kaum jemand wird damals geahnt haben, dass diese Briefmarke 101.200.000 mal innerhalb eines Jahres verkauft werden wird. Niemals hat eine deutsche einzelne Sondermarke diese Auflagenhöhe wieder erreicht.
Was bewegte die Bundespost nach anfangs zögerlicher Haltung wegen „politischer Bedenken” dann doch zur Emission dieser Marke? Die westlichen Siegermächte des Zweiten Weltkrieges hatten bereits 1947 und 1948 ihre deutschen Kriegsgefangenen in die Heimat entlassen. In der Sowjetunion hingegen vermutete man damals noch über 100.000 Kriegsgefangene und Verschleppte in russischen Arbeitslagern. Letztere waren unrechtmäßig nach dem Krieg aus sowjetischen Internierungslagern und Untersuchungsgefängnissen in Ostdeutschland deportierte Männer und Frauen. Dieser Personenkreis war der breiten Öffentlichkeit allerdings kaum bekannt. Es waren vor allem die „zur Klärung eines Sachverhaltes” im sowjetischen Machtbereich „Abgeholten”. Deren Familien hatten bis zu Stalins Tod 1953, manche sogar bis 1954, keine Nachricht über den jahrelangen Verbleib der betroffenen Männer und Frauen.
 

Anfang der 1950er Jahre wuchs in der Bundesrepublik zunehmend der Druck „von unten”, kanalisiert durch die Kirchen, das (West-) Deutsche Rote Kreuz, die Wohlfahrtsverbände, insbesondere den Verband der Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermißtenangehörigen auf ihre Regierung, die Rückführung der Kriegsgefangenen politisch zu lösen. Demgegenüber waren institutionelle oder öffentliche Aktionen in der DDR mit der Forderung nach Freilassung ihrer Bürger aus der sowjetischen Gefangenschaft undenkbar, da sie als Verleumdung der Sowjetunion mit drakonischen Strafen durch die kommunistischen Machthaber geahndet worden wären. Mit der Gedenkmarke wurde die Zurückhaltung von deutschen Gefangenen in der UdSSR national und international öffentlichkeitswirksam.

Die DDR – Machthaber sahen in der Gefangenmarke eine gegen sie gerichtete politische Provokation, da sie deren Motivgestaltung auch auf die in der DDR und in der UdSSR festgehaltenen politischen Gefangenen beziehen musste. Das ist in Anbetracht der antikommunistischen Stimmung in den DDR – Betrieben, auf dem Lande und auf der Straße in diesen Wochen vor dem 17. Juni 1953 durchaus nachvollziehbar. Die mit dieser Marke freigemachten Sendungen wurden von der DDR – Post bestenfalls zurückgeschickt, wochenlang nicht oder gar nicht zugestellt und später nur mit abgerissener oder unkenntlich gemachter Briefmarke befördert. „Postkrieg” heißt das bis heute. Bereits am Tage der Ausgabe der Gefangenmarke durch die Bundespost verfügte die DDR über amtliche Überklebemarken im Briefmarkenformat, mit deren die Gefangenmarken verdeckt werden sollten. Diese Vignetten trugen die Aufschrift: „Gedenket unserer gefangenen Friedenskämpfer, die in Adenauer Kerkern schmachten.”

In Anbetracht des auch in Westdeutschland bekannt gewordenen Umgangs der DDR mit Postsendungen, die mit der Gefangenenbriefmarke freigemacht worden waren, erging am 23. Juli 1953 ein Rundschreiben des Bundesministers für das Post- und Fernmeldewesen an die Postämter der Bundesrepublik mit folgendem Wortlaut: „Nach Verlautbarungen aus der Sowjetzone lagern bei den dortigen PÄ (Postämtern) noch Briefsendungen, die mit der Kriegsgefangenen – Gedenkmarke freigemacht sind und die erst nach Unkenntlichmachung der Marken ausgehändigt werden. Dem Vernehmen nach sollen auch Personen, an die solche Sendungen gerichtet sind, in Merklisten eingetragen werden. Den Versendern im Bundesgebiet ist, vor allem im Interesse der Sowjetzonenbevölkerung zu empfehlen, die Gedenkmarke im Verkehr mit der Sowjetzone nicht zu verwenden.”
 

Wie kann der 60. Geburtstag der Gefangenenmarke besser gewürdigt werden als mit den Worten ihres Gestalters? Der Schöpfer dieser Marke war Professor Karl Hans Walter, zum Zeitpunkt des Entwurf Leiter einer Grundklasse an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Sieben Jahre Kriegsdienst an mehreren Fronten und Gefangenschaft von 1939 bis 1946 haben Karl Hans Walter entscheidend geprägt. Davon kündet sein Tagebuch, das er, bereichert durch eigene Skizzen und Holzschnitte, „Blumen am Wege” nannte.

"Die Erkenntnis, dass dem deutschen Namen durch Gewalt und Terror kein guter Dienst erwiesen worden war, kam für viele erst am Ende. Aufgerissen hat es unsere Augen vor den Trümmern unserer Heimat. Aufgerissen hat es unsere Herzen vor der Zerstäubung aller Werte. Eine Welt brach in uns zusammen. Alles, was man uns sagte, hat sich als Lüge enthüllt oder ist fraglich geworden. Wo sollen wir heute noch Wahrheit finden? Wessen Worte sollen wir noch glauben? Wer wird unseren Worten glauben?

So erschüttert aber die Fundamente auch sind, auf denen sich ein friedliches Leben aufbauen lässt, so fragwürdig unsere derzeitige Existenz sein mag, wir wollen leben.

In allen Ländern haben wir Menschen gefunden, Menschen wie wir, voll Schmerz und Leid, voll Freude und glückseligem Lachen, die heute suchen wie wir. Laß uns beginnen, dass diese Menschen wieder mit uns sind. Laß uns den Tod und das Grauen, den Haß und die Grenze überwinden…”

 
Der Autor ist Verfasser des Buches: „Verschworen. Verraten. Verfolgt. Unangepasstheit, Widerstand und Kollaboration in der Stalin-Ära Berlin-Brandenburgs

Erfolgreiche politische Schritte im Kampf um die Freiheit - die Mutter eines Kriegsgefangenen dankt Bundeskanzler Konrad Adenauer nach seiner Rückkehr aus Moskau am 14. September 1955 auf dem Flughafen Köln/Bonn.