Vertreibung und Versöhnung, politische Erfahrungen und ethische Erwägungen

Bericht zur letzten Ringvorlesung der Humboldt-Universität Berlin
von Bärbel und Joachim Stöcker, Gransee

Die letzte Ringvorlesung des Wintersemesters 2012/13 fand am 11.02.2013 unter dem Thema “Vertreibung und Versöhnung, politische Erfahrungen und ethische Erwägungen” statt. Der Saal war voll besetzt mit erwartungsvollen Hörern, Herr Professor em. Maier aus München war angekündigt. Leider war er plötzlich erkrankt, hatte aber sein Manuskript den Veranstaltern übermittelt mit der Bitte, es zu verlesen. So geschah es dann auch.

Prof. Dr. Hans Maier wurde 1931 in Freiburg im Breisgau geboren und lebt in München. Er ist ein äußerst vielseitig gebildeter Mensch. Außer als Politikwissenschaftler machte er sich auch einen Namen als Politiker. Zudem studierte er z.B. Geschichte, Germanistik, Philosophie, hatte einen Lehrstuhl für christliche Weltanschauung, Religions-- und Kulturtheorie inne, wirkte als freier Mitarbeiter beim Rundfunk, bei Zeitungen und bei Zeitschriften. In Vergangenheit und Gegenwart engagiert(e) er sich als Organist sowie als Ehrenamtler in der Katholischen Kirche.

Seit Jahrzehnten tritt Prof. Maier für die Aussöhnung Deutschlands mit seinen östlichen Nachbarstaaten ein. Er charakterisiert diesen Prozess als schwierig, langwierig, viel gegenseitiges Verständnis benötigend und als von Höhen und Tiefen geprägt. Trotz „Krisen, Irritationen, Schlingerbewegungen” ist das Verhältnis immer wieder „ins Lot” gekommen.
Das Thema der Vorlesung ist sowohl in Deutschland als auch in den Nachbarländern hochaktuell. Herr Prof. Maier erläuterte an drei Staaten exemplarisch, wie unterschiedlich mit Flucht, Vertreibung und Versöhnung umgegangen wird.

Schon 1965 haben polnische Bischöfe am Ende des II. Vatikanischen Konzils in Rom einen Brief an die deutschen Bischöfe verfasst mit dem Satz: „Wir vergeben und bitten um Vergebung …“ Dieser Satz wurde als wichtiges Leitmotiv der christlichen Versöhnung zwischen Polen und Deutschen übernommen. Man kann heute jedoch zu der Überzeugung kommen, dass diese Bitte nie wirklich in der polnischen sowie deutschen Gesellschaft angekommen ist, also auch nicht gelebt wird.
So erfolgte in Danzig in Anwesenheit des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk die Grundsteinlegung für ein Weltkriegsmuseum, das als „Schrei der Erinnerung” kommentiert wurde.

Hier soll wohl die noch immer gepflegte polnische Sicht auf die Geschehnisse als Reaktion auf die deutsche Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung” dargestellt werden. Umso mehr muss da der Aufarbeitungsversuch im Meseritzer Museum als Lichtblick gesehen werden, da hier vom gängigen Täter-Opfer-Schema abgewichen wird.

In Tschechien hatte sich Vaclav Havel, der ehemalige Präsident des Landes für die Vertreibungen und deren Begleitumstände entschuldigt. Aufgrund des öffentlichen Drucks in Tschechien nahm er diese Entschuldigung aber teilweise wieder zurück. Der tschechische Präsidentschaftskandidat 2013, Schwarzenberg, hatte im kürzlich zu Ende gegangenen Wahlkampf die Benes-Dekrete als Verbrechen bezeichnet. Er hat die Wahl verloren! Die Sichtweise von Herrn Schwarzenberg entspricht aber genau dem, was im Römischen Statut vom 17. Juli 1998 zur Gründung des Internationalen Gerichtshofes steht. Hier werden in Artikel 6 Völkermord, in Artikel 7 Verbrechen gegen die Menschlichkeit und in Artikel 8 Kriegsverbrechen definiert. Die Haager Friedenskonferenzen 1899 und 1907 scheiterten im Ergebnis an Deutschland, Österreich-Ungarn, an der Türkei und einigen kleineren Staaten. Erst 1915 kam es zu einem Regelwerk, gegen das aber nach 1918 schon eklatant verstoßen wurde. [Anm. d. A.]) Derzeit sind 121 Staaten an das Statut gebunden. Nach unseren Internetrecherchen gehören allerdings die USA, Russland, China, Indien, Pakistan, die Türkei und Israel nicht zu den Vertragsparteien.

In Ungarn werden Flucht, Vertreibung und Versöhnung gänzlich anders als in Polen und Tschechien bewertet. Nach einer Entschuldigung gegenüber den deutschen Vertriebenen im Jahre 2006 hat die ungarische Nationalversammlung am 14.12.2012 einstimmig für die deutschen Vertriebenen einen staatlichen Gedenktag proklamiert. Da die Vertreibung offiziell am 19. Januar 1945 begann, wurde der 19. Januar Gedenktag. Dieser Akt ist von uns Deutschen in seiner Bedeutung nicht hoch genug einzuschätzen. Ungarn macht Mut für die Zukunft!

Heute herrscht zwischen vielen Ländern der Erde Konsens zur Ächtung der Vertreibung in der Gegenwart. Diese Vertreibungen gelten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wie kann es aber sein, dass Vertreibungen in der Vergangenheit, speziell die der Deutschen, vielerorts nicht als Verbrechen angesehen, geschweige denn geahndet werden? Hier herrscht eindeutig Uneinigkeit zwischen den beteiligten Völkern. Warum aber ist es so wichtig, sich der Vergangenheit zu stellen? Es geht darum, Lehren zu ziehen. Es geht darum, einzusehen, dass das alte und ideologisierte Täter-Opfer-Schema keinen Beitrag zur Versöhnung geleistet hat und niemals leisten kann. Es geht um ein minimales Einverständnis – auch auf polnischer und tschechischer Seite – damit alle Opfer gleichberechtigt behandelt werden, verlässliche Übereinkünfte getroffen werden können und künftig Vertreibungen nicht mehr stattfinden. Es ist also zu betonen, dass der respektvolle Umgang mit der Vergangenheit wichtig ist, um in der Gegenwart bestehen und die Zukunft gestalten zu können.

Herr Professor Maier empfiehlt für alle Diskussionen, aber besonders für die um Vertreibungen, weil sie noch immer sehr kontrovers geführt werden, folgende Grundsätze:

  • Beteiligte reden ohne Floskeln und Vorbehalte
  • Alle Fakten müssen auf den Tisch
  • Jeder muss versuchen, den anderen zu verstehen, sich in seine Situation zu versetzen
  • Bei Kontroversen hilft oft der „dritte Mann”
  • Man sollte sich immer wieder individuell überraschen lassen (Phänomen des „Schwarzen Schwans”: Das unerwartete wird immer wieder eintreten)

Hinweis: Die Veranstalter haben angekündigt, dass voraussichtlich bis Jahresende 2013 alle Einzelvorträge der Ringvorlesung in einem Sammelband veröffentlicht werden. Jeder Interessierte hat dann die Möglichkeit, das Buch zu kaufen und kann dann selbst die unterschiedlichen Geschichtsauffassungen nachzulesen. Damit ist der Interessierte auch nicht mehr den wohl doch eingeflossenen subjektiven Eindrücken der Hörer ausgesetzt.