Berichte aus dem Bundesverband




Jahresempfang des Bundes der Vertriebenen

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel Ehrengast
Ehrenplakette des BdV an Prof. Dr. Guido Knopp

Bundeskanzlerin Dr. Merkel, Prof. Dr. Guido Knopp und Erika SteinbachAm 9. April 2014 hatte der Bund der Vertriebenen zum diesjährigen Jahresempfang in die Katholische Akademie nach Berlin eingeladen. Hochrangige Gäste konnte Präsidentin Erika Steinbach (MdB) begrüßen, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, den Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Hartmut Koschyk (MdB), den Doyen des Diplomatischen Korps, den Apostolischen Nuntius Erzbischof Dr. Nikola Eterovic und weitere Kabinettsmitglieder und Politiker.
In ihrer Eröffnungsrede verwies Erika Steinbach auf die gute Tradition dieser Veranstaltung und freute sich über das wiederholte Kommen der Bundeskanzlerin. „Ihr wiederholtes Kommen ist ein starkes Signal. Es zeugt von ihrer engen Verbundenheit mit den Vertriebenen und diesem Teil deutscher Geschichte.“
Auf das diesjährige Leitwort des BdV eingehend - „Deutschland geht nicht ohne uns“ - verwies die Rednerin auf den Mut, die Energie und den großen Leistungswillen der Vertriebenen und ihren Beitrag für das „deutsche Wirtschaftwunder“ nach dem Kriege. „Ob in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Kirche, in der Kultur oder beim Sport: die Heimatvertriebenen prägten den Aufbau Deutschlands und gestalteten Politik mit.“ Bis heute hat sich daran nichts geändert. Ein Viertel aller Deutschen sind Vertriebene oder ihre Nachfahren. Der BdV will mit seinem Leitwort 2014 ein Fenster öffnen und den Blick auf den kreativen Beitrag der Vertriebenen und ihrer Nachkommen zur Entwicklung Deutschlands lenken. „Denn wer genau hinsieht erkennt: Deutschland geht nicht ohne uns!“
Als Erfolg wertete Erika Steinbach, dass sich CDU/CSU und SPD im Koalitionsvertrag für die Arbeit der neuen Bundesregierung auf die Schaffung eines nationalen Gedenktages an die Vertreibung geeinigt haben. Die Umsetzung sei beim Bundesinnenminister in guten Händen.

Bund der Vertrieben ehrt Guido Knopp

Dann stand eine Auszeichnung auf dem Programm des Tages. Erika Steinbach verlieh die Ehrenplakette des BdV an den Chefhistoriker des ZDF, Prof. Dr. Guido Knopp, der durch sein journalistisches Engagement auch das Thema Flucht und Vertreibung und das Schicksal der betroffenen Menschen ab Mitte der 1990er Jahre einem Millionenpublikum nahe brachte. Er löste mit seinen Filmen ein nie gekanntes historisches Interesse jenseits des wissenschaftlich universitären Diskurses aus. In seinen Dokumentationen brach die Erlebnisgeneration ihr Schweigen und teilte ihr eigenes Erleben, ihr eigenes Mitwirken und Handeln aber auch das damit verbundene Unrecht und Leid mit. Eine beeindruckende Sammlung von ca. 1.000 Zeitzeugenberichten sind so entstanden. Diese dokumentarische Sammlung hat Prof. Guido Knopp der BdV-Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ geschenkt. Die tragischen Berichte z.B. des Unterganges der „Gustloff“ oder die traumatischen Erzählungen vergewaltigter Frauen schufen Empathie für das Schicksal der Vertriebenen und waren Mahnung zugleich. „Diese Erinnerungen dürfen nicht vergessen werden“, sagte Erika Steinbach.


Guido Knopp: Jedes Interview ist ein Schatz

In einer kurzen Dankesrede ging Guido Knopp als Nachgeborener auf seine Gespräche mit dem Großvater ein und verwies auf den hohen Wert der festgehaltenen Zeitzeugenerinnerungen: „Jedes Interview ist ein Schatz.“ Häufig sei in ihnen nicht nur das Trauma durch Krieg und Flucht zum Ausdruck gekommen, sondern auch der berechtigte Stolz, dass man es danach wieder zu etwas gebracht habe. Ohne die Leistungen der Vertriebenen hätte es das Wirtschaftswunder so nicht gegeben. Er ging in diesem Zusammenhang auch auf die Arbeit des BdV ein und lobte das Engagement und Festhalten Erika Steinbachs am Vorhaben, ein sichtbares Zeichen zum Gedenken an Flucht und Vertreibung zuschaffen. „Wenn Versöhnung durch Erinnerung geschaffen werden kann, braucht Erinnerung einen festen Platz. Den gibt es jetzt“, betonte Prof. Knopp.

Angela Merkel: Flucht und Vertreibung sind Teil unserer Geschichte

Frau Dr. MerkelIn ihrem Grußwort versprach die Bundeskanzlerin - auf eine Kritik der BdV-Präsidentin eingehend - alles zu tun, damit das Tempo der Fertigstellung des Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin nicht nachlässt. Sie sagte: „Ich gebe zu, dass ich vor lauter Koalitionsverhandlungen und anderen Dingen seit der Grundsteinlegung (für das Zentrum) kein unmittelbares Augenmerk mehr auf die Sache gelenkt habe. Aber, meine Damen und Herren, der Empfang des BdV ist ja auch dazu da, wieder in Erinnerung zu rufen, was man sonst noch zu tun hat.“
Auf das Leitwort des BdV eingehend stellte die Kanzlerin fest, dass dieses Leitwort ein Nachdenken über die eigene Identität, über unsere Geschichte und auch über unsere heutige Realität verlangt, egal, ob man dieses Leitwort als Feststellung oder als Aufforderung versteht. Das Leitwort provoziert geradezu die Gegenfrage: „Wie sollte es auch ohne Sie gehen? Flucht und Vertreibung sind Teil unserer Geschichte. In Deutschland leben Millionen Menschen, die entweder selbst flüchten mussten, vertrieben wurden oder Angehörige jener sind, die dieses Schicksal erlitten haben. Wer kann schon ohne Vergangenheit leben? Herkunft und Geschichte der Familie und erst recht das selbst Erlebte hinterlassen immer Spuren. Das gilt gerade auch für leidvolle Erfahrungen. Wir alle wissen: Verdrängen hilft da überhaupt nicht.“

Im Weiteren sagte sie: „Leid und Unrecht verschweigen zu müssen oder gar missachtet zu sehen – das sorgt für Verbitterung. Geschichte anzunehmen, wie sie war und ist – das vermag den Weg zur Versöhnung zu ebnen. Daher ist Erinnerung auch in der Öffentlichkeit angemessen Raum zu geben. Dies bedeutet, Erlebtes zu benennen, ohne es gegeneinander aufzurechnen. Denn an das Leid des einen zu erinnern, heißt keineswegs, das Leid des anderen zu vergessen. Leid lässt sich ebenso wenig wie Unrecht relativieren. Erlittenes Unrecht ist nie relativ, sondern immer persönlich. Unrecht bleibt Unrecht – und ist als solches auch zu benennen. Dabei wissen wir ganz genau, dass das Leid, das Deutschland mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust über Millionen Menschen gebracht hat, zum Ende des Krieges letztlich auf uns Deutsche zurückschlug. Wir verwechseln Ursache und Wirkung nicht. Gedenken im Geiste der Versöhnung nimmt beides in den Blick. Deshalb ist es so wichtig, dass wir immer wieder daran erinnern: Menschen mit einem Vertreibungsschicksal hatten und haben keine Wahl. Sie wurden und werden gegen ihren Willen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen – häufig über Nacht; zumeist nur mit den notwendigsten Habseligkeiten. Wir sehen uns auch heute mit Flucht und Vertreibung konfrontiert. Ich erinnere nur an Syrien, wo in diesen Tagen Hunderttausende vor dem grausamen Bürgerkrieg fliehen, um die Chance auf ein Überleben zu wahren. Ich kann mir vorstellen, dass gerade die Älteren unter Ihnen hier besonders mitfühlen, denn sie haben als junge Menschen erfahren, was es heißt, Angst um das eigene Leben zu haben. Sie wissen, was es bedeutet, sich auf den Weg ins völlig Ungewisse machen zu müssen.“

In Deutschland ging in der Vergangenheit nichts ohne die Heimatvertriebenen – und es wird auch in Zukunft nicht ohne sie und ihre Familien gehen, betonte Angela Merkel zum Schluss ihres Grußwortes. „Denn sie leben mit dem Wissen, wie kostbar, aber auch wie verletzlich das hohe Gut eines friedlichen und freiheitlichen Miteinanders der Völker Europas ist. Dieses aus persönlicher Betroffenheit genährte Wissen macht Vertriebene und ihre Familien zu überzeugenden Botschaftern eines geeinten Europas, das sein Versprechen von Frieden, Freiheit und Wohlstand auch in Zukunft erfüllen kann.
Sie verwalten einen Schatz, teilweise einen traurigen Schatz von Erlebnissen, der unwiederbringlich ist und der deshalb gepflegt, geachtet und bewahrt werden muss.“

Nach der Rede der Bundeskanzlerin fanden sich die Politiker, Vertreter des Diplomatischen Korbs, der Wissenschaft, der Verbände des BdV und der Landsmannschaften zu einem zwanglosen Meinungsaustausch zusammen.