Wissenswertes




Wolfskinder

Die Geschichte von Olaf Pasenau, der als Kind 1944 aus dem brennenden Ostpreußen in die Wälder Litauens floh, um zu überleben und danach 50 Jahre lang seine Familie suchte

Olaf Pasenau weiß vieles, was ein normaler Mensch nie lernt. Dass Hundefleisch schwarz wird, wenn man es kocht, und daß Katzen wie Kaninchen schmecken, nur zäher. Olaf weiß, wie man Schwalben fängt und Ratten brät und daß man nicht zu viel essen darf, wenn man lange gehungert hat. Dann wird man krank und fällt tot um.
Er weiß, wie man im Stehen schläft und wie man barfuß durch den Winter kommt. Sonst hätte er nicht überlebt. Nur eines kann der heute 79jährige beim besten Willen nicht: Er kann nicht lachen. „Das habe ich verlernt, als ich erwachsen wurde.” Erwachsen wurde er im Frühjahr 1945, als der Krieg nach Ostpreußen kam. Da war Olaf zehn Jahre alt.
Präsentation einer AusstellungOlaf Pasenau, geboren in Allenstein, erzogen in Königsberg, ist ein „Wolfskind” - eines der letzten vergessen Opfer des Zweiten Weltkrieges. „Wolfskinder” nennen sich die Deutschen, die im Alter von drei bis dreizehn Jahren von ihren Sterbenden Müttern aus dem besiegten, verwüsteten Ostpreußen ins Nachbarland Litauen geschickt wurden, damit sie nicht verhungerten. „Dort haben wir wie die Wölfe gelebt”, sagt Olaf, „im Wald, auf dem Feld. Allein, immer auf der Jagd nach etwas Essbarem, immer wieder selber gejagt. Ich hoffe, dass nie wieder ein Kind ein solches Leben führen muss.“

Von den Tausenden, vielleicht Zehntausenden von Kindern, die sich 1945/46 nach Litauen durchschlugen, haben nur ein paar Hundert überlebt – unter fremden Namen, mit gefälschtem Lebenslauf. Auch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, suchen viele noch immer ihre wahre Identität: Namen, Kindheitserinnerungen, Verwandte, die den Krieg überstanden haben. Aber nicht immer freut sich die Familie, wenn ein Totgesagter nach 50 Jahren in der Haustür steht. Auch das ist dem „Wolfskind” Olaf Pasenau passiert.

Der erste Teil seiner Lebenstragödie beginnt Ende März 1945. Ostpreußen ist von der Roten Armee überrannt, Königsberg, von Hitler zur „Festung” erklärt, ist eingekesselt. Die 35jährige Martha Pasenau und ihr Sohn Olaf aus der Palvestraße 14 haben den letzten Flüchtlingstreck verpasst, „weil Mutter immer noch auf Vater wartete”. Oberleutnant Bruno Pasenau ist bei Stalingrad als verschollen gemeldet. Mutter und Sohn schlagen sich zum Hafen Pillau durch. Vor ihren Augen sinkt das letzte Flüchtlingsschiff, total überladen, torpediert von einem sowjetischen U-Boot. Martha Pasenau einziger Trost: Tochter Ingeborg, 15, rechtzeitig evakuiert, ist sicher in Frankfurt am Main angekommen.
In einem Nachbardorf beziehen die Pasenaus Notquartier. Russische Soldaten rücken ein. Sie plündern, morden, vergewaltigen. Grausam nehmen sie Rache für das Leid, das Hitler – Deutschland ihrem Volk angetan hat.

In einem Bunker findet der zehnjährige Olaf die Leichen von 50 deutschen Kindern – erschossen, Kinder, so alt wie er. Jeden Abend muss er mit ansehen, wie die Frauen vergewaltigt werden, auch seine Mutter. Krank, verstört und halbverhungert beschließen die anderen 15 Frauen, die mit den Pasenaus im selben Haus leben, sich und ihre elf Kinder umzubringen. Mit Rasierklingen, die Olaf ahnungslos aufgetrieben hat, schneiden sie erst ihren Kindern, dann sich selbst die Schlagadern auf: „Die Wände waren rot vom Blut.”
Olaf und seine Mutter fliehen zurück nach Königsberg. Doch ihr Haus ist längst von Russen besetzt. Sie werden in ein Lager im Nachbarviertel eingesperrt: „Wir bekamen 300 Gramm klitschiges, nasses Brot pro Tag. Viele starben nach dem Essen.” Eine Typhus-Epidemie bricht aus: „Überall lagen Tote.” Im Januar 1947 stirbt auch Olafs Mutter: „Sie wurde wie die anderen, in einem Bombentrichter beerdigt. Ohne Sarg, ohne Gebete, ohne Tränen. Dazu hatte keiner mehr Kraft. Die Stadt war entsetzlich, ganz schwarz. Auch die Menschengesichter waren schwarz – vor Hunger und Hoffnungslosigkeit.”
Die einzige Hoffnung ist Litauen. Jeder weiß, saß es dort noch Brot gibt. Man muss nur da hinkommen. An den überfüllten Zügen, die noch fahren, kleben Menschentrauben, bis weit aufs Dach. Nur die Stärksten überleben. Olafs Irrfahrt dauert ein halbes Jahr. Dass er in Litauen ist, merkt er erst, als die Menschen, die er anbettelt, ihn in einer völlig unverständlich Sprache beschimpfen. „Ich floh in die Wälder, schlief unter Brücken, es war Vorfrühling, kalt und nass. Hungrig zog ich von Dorf zu Dorf. Nachts band ich mich mit meinem Gürtel an einen Baum, damit ich nicht im Schlaf in den Morast fiel.”
Kriegskinder - Schicksale
Für Brot und Suppe hütet er den Bauern das Vieh. „Waldbrüder”, litauische Partisanen, die bis in die 50er Jahre hinein gegen die sowjetische Besatzungsarmee kämpfen, geben ihm hin und wieder etwas ab. Sie machen ihm auch klar, dass er Litauisch lernen muss – jedes deutsche Wort würde ihn als „Faschisten” verraten und nach Sibirien bringen. Und so manches „Faschisten” - Kind hat man einfach totgeschlagen.
Nach sechs Jahren kann Olaf nicht nur fließend Litauisch sprechen, sondern auch lesen und schreiben – er hat es sich selbst durch das Studium alter Zeitungen beigebracht. Eine Schule durfte er nie besuchen: „Ich war nur Arbeitskraft, kriegte die billigste Verpflegung und das härteste Bett.”

Längst hört er auf den litauischen Namen Jonas Balsys. Den hat er sich, zusammen mit einem falschen Lebenslauf, mit 16 Jahren selbst gegeben – er wusste, dass das zuständige Archiv der Kreisstadt im Krieg verbrannt war und somit niemand seine Angaben überprüfen konnte. Dabei hat er sich gleich vier Jahre älter gemacht, um nicht in der „Mörderbande” dienen zu müssen – der Sowjet – Armee.

Olaf wird Waldarbeiter, reißt drei Jahre lang Baumstümpfe aus dem Boden. Der KGB verhaftet ihn als „Waldbrüder” - Spion. Bei den wochenlangen Verhören prügeln sie ihn halbtot. Olaf verliert seinen „einzigen Schatz” - das Foto seiner Mutter, das er in einem kleinen Medaillon um den Hals trug.

Als Ziegeleiarbeiter, Traktorist, Mechaniker und Busfahrer schlägt er sich 35 Jahre lang durch ein geliehenes Leben. Zwei Ehen scheitern, selbst die drei Kinder aus erster Ehe machen ihn nicht froh: „Ich war immer einsam. Immer empfand ich, dass ich anders war als die Menschen neben mir. Niemandem konnte ich von meinem Leben erzählen. Und wenn ich es einmal zu erzählen wagte, verstand mich niemand.” Doch als sein größtes Unglück empfindet er, dass er seine Muttersprache vergessen hat: „Hunger, Schläge, der Kampf ums Überleben und die ewige Angst hatten alles andere verdrängt.”

Fortsetzung folgt
(aufgeschrieben von Peter-Hannes Lehmann)