Erinnerungen




Menschliche Schicksale und die Zufälle des Lebens

Ein Besuch in der Heimat ließ Freundschaften entstehen
Mein Mann Alois Siedler war gebürtig in Frauenburg, dem heutigen Frombork in Ostpreußen. Als er 7 Jahre alt war, musste die Mutter mit 2 Kindern wie viele andere das Land verlassen.

Als nun 1989 die Wende kam und man nun auch dort hinfahren konnte, machten wir uns privat mit einigen Freunden auf den Weg in seine alte Heimat. Mit unseren Autos waren wir dann nach 330 Kilometern am Ziel. Mein Mann fand auch gleich das Haus, in dem er geboren wurde und auch bis zur Flucht lebte. Es ist die Kaplanei Straße 6-4 direkt vor dem großen Dom mit dem Kopernikus-Turm. Aber die jetzt dort heimischen Leute merkten, wie wir dort etwas ratlos standen, denn die polnische Sprache beherrschten wir ja nicht. Ein Herr ging plötzlich los und kam mit einem anderen Herrn zurück, der deutsch sprechen konnte. Im Dom hatte er damals als 15jähriger noch deutsche Bibeln gefunden und die Domherren sagten: „Kannst du nehmen”. Nun hatte er heimlich die deutsche Schrift gelernt und auch gelernt deutsch zu sprechen. Er lud uns in seine Wohnung ein, in der er geboren wurde und in der er noch immer mit seiner Frau lebt. Er hieß Leon Rynkiewicz, war ca. Ende 40. Wir erlebten eine große Überraschung, gewissermaßen ein Zufall im Leben, denn in dieser Wohnung hatte mein Mann seine Kindheit verlebt. Es wurde viel erzählt und es entstand eine Freundschaft, die es heute immer noch gibt. Leider ist mein Mann Alois Ende 2005 verstorben.

Auf Grund der Kontakte hatten wir auch Freunde von Leon kennengelernt. Einer der Freunde ist Bojek. Er hat uns immer bei unseren Besuchen zum Essen eingeladen. Es war uns schon recht peinlich. Bojek war sehr geschäftstüchtig und hatte 5 Tankstellen und eine Kiesgrube. Jetzt waren sie auch schon öfters in Erkner und wir fuhren mit ihnen nach Berlin. Sie staunten über alles, was es dort zu sehen gab.
Von Bojek sind vor gut 3 Jahren die Elter verstorben. Er war der einzige Sohn. Doch beim Ausräumen der Wohnung fand er in den Unterlagen seine Geburtskunde, eine deutsche Urkunde!! Übers Rote Kreuz hat er nun 3 Jahre nach weiteren Angehörigen suchen lassen. Jetzt die Überraschung, vergangenes Jahr bekam er die Nachricht, dass eine Halbschwester von ihm existiert, die in Göttingen lebt. Er wollte sie natürlich besuchen und machte letztes Jahr auf der Fahrt zu ihr bei mir in Erkner eine Pause und fuhr dann weiter. Auf der Rückfahrt legte er bei mir wieder eine Pause ein und berichtete. Die Halbschwester war damals 10 Jahre alt, jetzt also etwa Ende 70. Sie sagte: „Mutti hat nie etwas gesagt, aber ich weiß, da war was mit einem Baby – aber wir mussten ja weiter über das Eis, es war ein ganz kalter Winter und viele tote Kinder, Babys und Erwachsene lagen dort”.

Bojek besucht seine Halbschwester jetzt öfter in Göttingen und er muss versuchen, Deutsch zu lernen. Denn Leon muss wegen der Sprache immer noch mit ihm reisen.
Als mein Mann 2006 beerdigt wurde, kam auch Leon und brachte vom „Frischen Haff” Wasser, Sand und einen faustgroßen Stein mit. Diesen habe ich auf das Grab meines Mannes gelegt und dort liegt er immer noch.

Leon telefoniert oft mit mir und er vergisst auch keine besonderen Tage. Ich denke diese Geschichte ist auch etwas ganz besonderes.

Helga Siedler
Kreisverband Rüdersdorf