Erinnerungen




Mein Egerland - Erinnerungen von Marianne Gäbler aus Labant

Heimat ist heutzutage oft nur ein Begriff, der wenig Emotionen auslöst. Für Marianne Gäbler bedeutet Heimat aber mehr. Sie leidet noch heute seelisch unter dem Verlust ihrer Heimat, die sie als Kind verlassen musste.
Jeder, der eine glückliche Kindheit erlebte, erinnert sich gern an die Menschen und Orte, die mit dieser Zeit verbunden sind. So geht es auch jenen, die erst im betagten Alter ihre Heimat wieder besuchen können.

die Stadt Eger, heute Cheb




















Folgen wir Marianne Gäblers Erinnerungen an das südliche Egerland:
„Ich erinnere mich sehr gut an die Kindheitstage in meiner Heimat, wo ich voll ins Dorfleben integriert war, mich geborgen fühlte, wo mir auch Grenzen gesetzt waren.
Seit vielen Generationen verlief das Dorfleben in geregelten, wenig veränderten Bahnen. Die Leute waren fest verwurzelt und kamen immer nach Hause zurück, wo immer sie auch im Sommer gearbeitet hatten. Die Männer als Maurer und Zimmerleute und die unverheirateten Mädchen, selten auch Ehefrauen und Mütter, als Zimmermädchen, Bedienung, Küchenhilfen und Kaffeeköchinnen – fast alle im Umland der Kurbäder Marienbad und Karlsbad. Eine entfernte Verwandte, eine Tante meiner Mutter, hatte zum Beispiel für 120 Personen zu kochen und bekam dabei oft Hilfe von jungen Mädchen aus unserem Dorf zu den umfangreichen Vorbereitungen.
In einem Hotel oder einer Pension Kaffeeköchin gewesen zu sein, galt als etwas ganz Besonderes. Diese Frauen waren im Dorf sehr angesehen. Ebenso geachtet war eine junge Frau aus dem Dorf, die als Kaffeerösterin arbeitete. Jeden Vormittag bediente sie eine riesige Kaffeerösttrommel, eine sehr anstrengende Arbeit.

Die jungen Leute zogen aus, um in der Fremde das Geld für eine Familiengründung zu erarbeiten. Nach dem Ersten Weltkrieg ging das Bestreben dahin, ein neues, ganz modernes Haus zu bauen. Mit elektrischem Strom, Innentoilette, einer eigenen Senkgrube und fließendem Wasser aus der Wand…
Vor allem Familienhäuschen mit mehreren Kinderzimmern waren gefragt. Die Kinder freuten sich unheimlich darauf. So manches Kind würde dann ein eigenes kleines Reich haben. Die Männer dachten auch schon in die Zukunft, die Dachgeschosse waren alle ausbaufähig gestaltet – für die Kinder. Da sich die Familienväter im Dorf gegenseitig kostenlos halfen, waren diese Pläne gut durchführbar und so manches Haus steht heute noch in „unserem” Dorf.

So arm die Leute auch waren, es gab in jedem Dorf ein eigenes Kulturleben. Einerseits bildete die Kirche mit dem Pfarrer einen kulturellen Mittelpunkt im Ort. Dazu trug die sonntägliche Predigt viel bei, die immer auch dörfliche Informationen an die großen und kleinen Bewohner weitergab. Die Ausge-staltung der Kirche, die vielen Gemälde, Altarbilder und Kreuzwegbilder – alles vermittelte einen Eindruck von bildender Kunst. Auf den kleinen Heiligenbildchen, die die Kinder vom Herrn Pfarrer zur Belohnung bekamen, waren immer berühmte Gemälde abgebildet. Dazu die herrliche Orgelmusik!… Erinnerungen steigen auf und man kann, wenn man Orgelmusik hört und dabei die Augen schließt, die Kindheit förmlich wie in einem Film vor sich ablaufen lassen. Dabei wurde in fast jedem Haus selbst musiziert. Geigen, Zupfinstrumente und Blasinstrumente waren oft vom Vater oder von den Großeltern noch im Familienbesitz. Zu manchen Zeiten gab es in unserem Dorf drei Musikkapellen und das bei etwa 650 Einwohnern. Diese Kapellen spielten in den zwei Dorf–Gaststätten oft zum Tanz auf. Einige der Musiker besuchten das Konservatorium in Prag und waren noch 1945 in bekannten Kapellen oder Orchestern engagiert.
Durch den Zweiten Weltkrieg gab es natürlich einen großen Bruch, so dass ich die vielen Geselligkeiten, u.a. auch das Faschingstreiben, nur aus Erzählungen kannte und mich freute, nach dem hoffentlich bald beendeten Krieg an diesen schönen Dingen teilhaben zu können.
Aber es kam alles ganz anders. An so etwas hätten die Eltern und Großeltern nie gedacht.

Vertreibung nach Mecklenburg

Die Vertreibung war für die Menschen ein Schock, der bis heute noch nicht überwunden ist. Plötzlich waren alle heimatlos! Die Koffer, die Rucksäcke und die zusammengebundenen Kissen und Federbetten, welche man oft bei der hektischen Flucht verlor… Alle waren arm, heimatlos und fremd, fanden sich entwurzelt in einer anderen Welt wieder. Man sah nicht mehr die Sonne aufgehen am Ende des vertrauten Dorfes, man hatte keine Spielkameraden mehr.
Im Westen achtete man wenigstens darauf, dass möglichst viele Dorfbewohner, die sich kannten, an einen Ort kamen. So konnte das erlittene Leid, das gemeinsame Sterben, sich wieder eine Existenz zu schaffen, verarbeitet werden.
In der Sowjetischen Besatzungszone wurde es anders gehandhabt. Es schien, als verteilte man die Heimatlosen „bewusst” in alle Himmelsrichtungen der Besatzungszone. Der Heimatgedanke sollte nicht mehr gepflegt werden, die Menschen sollten alles sehr schnell vergessen und ihr Denken, Handeln und Tun für den Aufbau des Kommunismus einsetzen. Es wurde eine schnelle Integration angestrebt.

Unsere Familie wurde nach Mecklenburg geschickt. Da mein Bruder vor dem Abitur stand, wies man uns in Waren ein.
Den Kontakt zu den Großeltern und anderen Familien aus unserem Dorf zu halten, war sehr schwierig, da es die ersten Jahre sehr unzuverlässige Bahn- und Busverbindungen gab.
Mecklenburg war für uns der extremste Bruch, den man sich überhaupt vorstellen kann. Statt des bisher gewohnten, ländlichen Gemeinschaftslebens in lieblicher, bergiger Landschaft, im eigenen, neugebauten Haus mit Grund und Boden, den keiner einem nehmen kann, wie man geglaubt hatte, kehrte sich jetzt alles ins Gegenteil.
Die alte Lebensweise, geprägt von Gemütlichkeit, Geborgenheit und Liebenswürdigkeit gegenüber den Nachbarn, hatte sich gewandelt in beengtes Wohnen zur Untermiete, in fremder, kalter Gegend mit Menschen, die so anders waren. Die Bauernhöfe voll mit dem Hab und Gut der hungernden „dummen” Städter, die für einen Beutel Korn oder ein paar Eier den wertvollen Familienschmuck hergegeben hatten.

Keine Hoffnung auf Änderung, nur Spötteleien unter einheimischen Kindern, die manchmal ausarteten in Grausamkeiten. Kinde können sehr grausam sein! Man sprach zwar eine Sprache, aber doch unterschiedlich ausgesprochen und verstanden. Man wollte sich auch nicht gegenseitig verstehen.“