Erinnerungen




Von der Neumark in die Priegnitz

Lebenserinnerungen von Werner Reichert

Werner Reichert ist ein aktives Mitglied im BdV Kreisverband Kyritz. Aufgewachsen im neumärkischen Wilkersdorf unweit der Stadt Küstrin (heute Kostrzyn in Polen) wurde sein weiteres Leben durch die Vertreibung bestimmt. Seit der Kindheit mit der Landwirtschaft verbunden, blieb er dieser treu, wurde Betriebsleiter auf dem Gut Seifersdorf bei Radeberg/Sachsen, später Direktor des Volksgutes in Kantow, Kreis Kyritz. In seinen Lebenserinnerungen     (1. Fortsetzung aus 05/2013)
 

Ehe wir an diesem Abend eine Unterkunft erreichen konnten, mussten wir noch über Hunderte tote deutsche Soldaten und Zivilisten gehen, die auch teils an den Straßenrändern lagen, denn die eigentliche Straße wurde völlig vom Militär beherrscht.

Wir übernachteten in einem Haus in Locktow auf dem Fußboden, die Fenster waren zerschlagen und es war furchtbar kalt und wir hatten auch nichts zu essen. Diese Nacht verlief wie die vorangegangenen Nächte mit Vergewaltigungen.

Am 19. Februar erreichten wir Neuendorf, einige Kilometer abseits der B1. Wir zogen hier wieder in ein Haus ein, das einem Cousin meines Vaters gehörte, ebenfalls einem Reichert. Wir waren wieder mehrere Familien mit ca. 50-60 Personen in diesem Haus.

In diesem Ort blieben wir vom 19. Februar 1945 bis Anfang März. Hier möchte ich nur eine besondere Nacht schildern. In der Nähe von Neuendorf war ein Flugplatz, an jedem Tag holte man alle jungen Leute, Jungen und Mädchen zur Arbeit. Die Mädchen und jungen Frauen mussten die Unterkünfte der Offiziere säubern, sie wurden laufend vergewaltigt und kamen jeden Abend weinend zurück. Die Jugend mussten den Flugplatz fegen und die Maschinenputzen. In einer dieser Nächte war es ganz furchtbar. Hier glaubte ich und wir Alle, das wäre unser Lebensende.

Nach Mitternacht klopfte es an den Türen, sie wurden gleichzeitig aufgebrochen und die Russen stürmten ein. Es war dunkel, Strom hatten wir nicht und sie suchten mit ihren Taschenlampen nach Mädchen. Die Mädchen und jungen Frauen hatten sich versteckt und man fand sie nicht. Mit langen Säbeln durchstachen sie die Matratzen und sämtliche Gegenstände wurden zerschlagen, auch die Fenster und dann zündeten sie auch noch das Stroh an, auf dem wir lagen.

Alle Älteren und wir Kindern flüchteten auf Strümpfen in einen Rübenkeller des Bauern Reichert. In dieser Nacht schneite es und es war kalt und trübe. Meine Mutter und die anderen Frauen hielten nach einiger Zeit Ausschau, ob das Haus wieder leer war, sie kamen zurück und wir zogen - es war inzwischen schon Morgen geworden - wieder ein. Es war alles zerschlagen und zerstört, wir suchten unsere Sachen zusammen, das Wenige, das wir noch besaßen. Es war eine grausame Nacht, die ich nie vergessen werde.

Von Neuendorf wurden wir dann Anfang März wieder vertrieben und zogen einige Tage ziellos umher, von Dorf zu Dorf, immer in Richtung Osten. So erreichten wir den Stadtrand von Landsberg. Einige Flüchtlinge kamen zurück und warnten uns, wir sollen nicht in die Stadtmitte ziehen, denn hier trieb man alle Menschen in Richtung Bahnhof zum Abtarnsport nach Russland.

Über die Warthe - Brücke zogen wir ins Warthe-bruch. Meine Mutter erinnerte sich, dass vor Jahren eine Freundin aus ihrer Jugendzeit sich nach Kerneien verheiratet hatte - eine Schwester von Licht – Schulte. Als wir nun da ankamen, waren wir fünf oder sechs Familien und verteilten uns in drei Gruppen auf. Mit Frau Kienitz und Tochter, sowie Elsbeth Conrad zogen wir bei Habermanns ein.

In den ersten Nächten war es noch ruhig, aber am Tag kamen dann laufend russische und polnische Soldaten, die Haus und Hof kontrollierten. Sie stellten fest, wer in den Häusern wohnte, um dann in der Nacht Überfälle zu organisieren. Das geschah in fast jeder Nacht. In der ersten Zeit waren es Russen, aber Mitte April immer mehr auch polnische Soldaten.

Meine Mutter schlief auf einem Sofa. Sowie es an den Türen klopfte, sprang meine Schwester Christa vom Strohlager auf und legte sich auf das Sofa. Mama und ich setzen uns davor und deckten uns mit einer Decke so zu, dass wir sie schützen konnten. So haben wir die Vergewaltigungen von Christa verhindern können, denn sie war doch erst 15 Jahre.

Wir glaubten, als wir ins Warthebruch gezogen waren, dem Schlimmsten entgangen zu sein. Aber das war ein Trugschluss, denn diese Bestien suchten überall, um die Verstecke junger Frauen und Mädchen zu finden. Meine Schwestern und andere junge Frauen wurden immer wieder vergewaltigt.

 

Ende März wurde eine Kuhherde von achtzig Kühen auf den Hof von Habermanns getrieben. Wir mussten die Tiere betreuen. Dazu kam ein russischer Posten, der dann auch im Haus von Habermanns wohnte. Er holte sich jeden Abend eine Frau zum Schlafen. Ende April wurden dann die Kühe in ein anderes Dorf getrieben, zu einem Sammelpunkt zum Abtransport nach Russland. Diese Arbeit mussten die älteren Geschwister und andere junge Leute von anderen Familien verrichten.

Meine Mutter und andere Eltern glaubten, dass die Frauen, Mädchen und Jungen am Abend wieder zurück wären, aber es war nicht der Fall.

Erst nach zwei Tagen kam Ursel zurück, drei Tage später erschien Hilde und Gertrud und so auch in Abständen die anderen Frauen, Mädchen und Jungen. Hans kam erst am 03.05.1945 nach fasst zehn Tagen. Die Männer und Jungen waren verhört worden, dabei wurden sie verprügelt und misshandelt. Die Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt.

Am 05.05.1945 in der Nacht um drei Uhr verließen wir den Hof von Habermanns in Kerneien und machten uns auf den Weg zurück nach unserem Heimatort Wilkersdorf.

Wir zogen auf dem Warthedamm in Richtung Küstrin, aber auf der falschen Seite. Aus diesem Grunde mussten wir die Warthe überqueren. Am Abend des 05.05.1945 erreichten wir die Höhe von Vietze, wir fragten Einwohner, ob uns jemand mit einem Kahn über die Warthe schiffen könnte, nach kurzer Überredung erklärte sich ein Fischer bereit. Wir hatten einige Steintöpfe mit Butter und so konnten wir eine Bezahlung in Naturalien vereinbaren. Meine Mutter hatte furchtbare Angst, um in den Kahn einzusteigen. Aber es war ein ruhiger Abend, kein Wind und so stieg auch meine Mutter nach Überredung ein. So ist der Fischer fünf Mal über die Warthe gefahren, bis wir alle auf der richtigen Seite waren. Es wurde nun langsam dunkel und wir suchten uns eine Unterkunft in einem leeren Haus. Wir haben etwas gegessen und legten uns schlafen, aber wie immer bekleidet. Am 06.05.1945 zogen wir morgens in Richtung Wilkersdorf. Es war der Geburtstag meiner Schwester Gertrud.

 

Wilkensdorf erreichten wir am Nachmittag gegen sechzehn Uhr am Dorfeingang aus Richtung Camin. Einwohner, die bereits zurückgekehrt waren - und es kamen jeden Tag einige dazu, begrüßten uns zur Rückkehr in unser Heimatdorf.

Wir gingen die Dorfstraße entlang und erreichten unseren Hof. Es war sehr traurig, denn wir hatten nichts mehr. Das Haus war wie ausgefegt, keine Möbel, Nichts, die Ställe waren leer. Kein einziges Tier war da, wir hatten nur das, was wir von der Flucht mitbrachten, es war unser einziges Hab und Gut.

Mit dem 06.05.1945 begann ein neuer Lebensabschnitt für mich und meine ganze Familie, meiner Mutter und meiner Geschwister.

Was sollte nun geschehen, wir standen vor einem Nichts. Den ersten Abend schliefen wir gemeinsam in unserem Haus auf dem Fußboden, zum Glück war in unserer Scheune noch Stroh, somit war wenigstens unser Nachtlager gesichert.

 

In der ersten Nacht waren wir über zwanzig Personen in unserem Haus. Am nächsten Tag zogen der Nachbar Borchert und die Familie Kienitz in ihre Häuser ein. Täglich kamen wir zusammen um zu beraten, was wir tun müssen, um einen neuen Anfang zu finden.

Die ersten Einwohner zogen los, sie gingen über die Oder um Ausschau zu halten. Sie wollten unbedingt Nutzvieh erwerben. Die Äcker waren mit Sommergetreide und Kartoffeln bestellt, es wurden keine Grenzräume eingehalten, aber die Felder waren wenigstens bestellt.

Das Staatsgut in Wilkersdorf war von den Russen besetzt. Sie hatten Rinder, Pferde, Schafe und Ziegen. Jeder Einsatz der Arbeitskräfte war vom Gut aus organisiert. Als wir das nach einigen Tagen erfahren haben, meldeten sich meine älteren Geschwister auf dem Gutshof und bekamen Arbeit und erhielten auch täglich eine Mahlzeit und konnten außerdem in einem Gefäß ein Essen mit nach Hause nehmen. Meine Mutter, Lisa, Marlis und ich behüteten jeden Tag das Haus und den Hof; denn nach einigen Tagen kamen in unser Dorf einige polnische Plünderer. Wenn wir unser Haus verließen, verriegelten wir alle Türen.

(wird fortgesetzt)