Leserbriefe




Vorweihnachten bei uns daheim in Pommern

Rita von Gaudecker hat viele Bücher und Kleinschriften verfasst, am bekanntesten sind wohl ihre Jugenderinnerungen „Unter der Molstower Linde”, zuerst 1920 erschienen, 1926 bereits in 6. Auflage, auch mehrmals nach dem Kriege nachgedruckt, zuletzt 1963. Aus dem Kapitel „Meine letzte Puppe” entnehmen wir die Beschreibung der Weihnachtsvorbereitungen um 1890. Die Mutter ist früh verstorben und Tante Heddy vertritt Mutterstelle an den verwaisten Kindern. Damals gab es in Pommern noch keine Adventskränze, auch der Nikolaustag hatte keine spezielle Bedeutung. Die Kinder stellten die Schuhe noch vor den Adventssonntagen heraus.

Tante Heddy rief mich zum Strickabend und schnell steckte ich meine Puppe Röschen wieder in den Spind. Im Schulzimmer saßen schon Fräulein Reichardt und Karla mit ihren Strickzeugen. Auch ich bekam ein paar Pulswärmer, sogar die kleine Heidi häkelte an einem roten Schal mit großer Wichtigkeit und Tante Heddy begann vorzulesen. So war es jeden Sonnabend in der Vorweihnachtszeit. Es wurden für etwa 36 Schulkinder Pulswärmer und Schals gestrickt, Wachstuchtaschen und Schürzen genäht, Puppen angezogen und Kästchen beklebt, die sie mit allerhand Nähzeug darin geschenkt bekamen. Zum Schluss gab es dann immer Bratäpfel mit herrlich vielem Zucker.
Wir liebten diese Abende sehr und auch das Vorlesen der kleinen Weihnachtsbücher, die je nach Inhalt für die einzelnen Kinder gewählt und bestimmt wurden. Mein Kummer war immer nur, daß meine Pulswärmer abscheulich breite Rillen bekamen, wo die Nadeln aufhörten. Wenn dann die Namenszettel auf die roten, lila und braunen Pulswärmer aufgenäht wurden, versuchte ich immer, meinen armen Machwerken eine besonders günstige Stelle abzugewinnen. Aber die lose gestrickten Rillen leuchteten breit und unverschämt noch unter den Zettelchen hervor. Kaum war das Stricken und Bratäpfelessen vorüber, so hieß es: „Nun schreibt doch eure Wunschzettel!”

Nach dem Abendessen kam ein aufregender Moment: Das Bereitstellen der Adventsschuhe. An jedem Sonnabend vor den vier Adventssonntagen durften wir vor dem Zubettgehen auf den Esstisch einen Schuh stellen, den man Sonntag früh mit weihnachtlichen Überraschungen gefüllt am Bett wiedersah. Die Wahl des Schuhs war nicht leicht, denn man wollte nicht unbescheiden scheinen, aber doch auch nur ja nicht zu bescheiden sein. Selbst der große Bruder Alfred fühlte sich über diese Sitte nicht erhaben, wenn er, wie heute, über Sonntag vom Gymnasium herübergekommen war. Nun ging es zu Bett, und Röschen, Adventsschuh und Elsbeths weit offener Rachen tanzten in meinen Träumen umher.
Viel, viel zu früh wachte ich auf. So war es ja immer an den Adventssonntagen, aber wie konnte man schlafen mit dem geheimnisvollen Schuh am Bett? Endlich fand ich in der Dunkelheit den Schuh mit dem weißen Tütchen. Nun streckte ich mich wieder in die Kissen und knabberte an Nüssen, Schokolade und Pfefferkuchen. Der erste Vorgeschmack auf Weihnachten!
Als wir Schwestern in unser Schulzimmer kamen, stand auf dem Bücherschrank eine kleine braune Staffelei. Darauf das Bild von der Verkündigung des Engels an Maria. So zart und blau war Marias Gewand, licht und freudig der Engel. Man stand still davor, und es ging der erste Strahl von Christkind und Krippe wieder durch die Seele. Wie liebte ich dies Bild! Jedes Jahr wurde es zum ersten Advent von Tante Heddy aufgestellt und an jedem Sonntag bis zum Fest ein anderes, Aber dies war doch das schönste. Und nun hörte man schon die ersten Klänge vom Harmonium. Der Vater spielte: „Wie soll ich dich empfangen”. Man war so froh und es war leicht, mit ganzer Seele zu singen: „Mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis.”

Als es dann Abend war, zündeten wir unsere Adventsbäumchen an und machten wie alljährlich eine ganz kleine Bescherung für die Hausleute. Wir sangen und sagten Verheißungen auf. So unweihnachtlich und ernst klang noch die erste: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe,” und ich freute mich, wenn es von Sonntag zu Sonntag immer heller und fröhlicher wurde, bis es dann hieß: „Uns ist ein Kind geboren.” Wie eine Reihe goldener Himmelssterne leuchtete es: „Held, Ewigvater, Friedefürst.”
Und nun war die letzte Woche vor Weihnachten angebrochen, und eben läutete der Schlitten vom Hof, der Fräulein Reichardt zur Bahn brachte. Selig sprangen wir im Schulzimmer umher: Ferien!

Von Rita von Gaudecker geb. v. Blittersdorff